»Ich fühlte mich bei mir selbst nicht zu Hause.«
Baumgart im Interview über seine Musik, den schlimmsten Ort und das Gefühl, nirgendwo angekommen zu sein.
Interview & Fotos Florian Saeling
Interview & Fotos Florian Saeling
Wir haben uns beim Showcase hier bei Universal Music das erste Mal getroffen. Das war erst dein zweiter Auftritt als Baumgart. Du hast zwar vorher auch schon Musik gemacht, aber jetzt beginnt ein neues Kapitel, wenn ich das richtig verstanden habe.
Ja, ich hatte schon mal ein Projekt selber angefangen, das Felipe hieß und da habe ich zwei relativ kleine Supportshows gespielt. Aber das war auf jeden Fall nicht vergleichbar mit der Show hier bei Universal Music. Das war auf jeden Fall crazy. Auch die Uhrzeit war ja relativ früh, so 10:30 Uhr. Aber das hat auch Bock gemacht, weil man hatte nicht so viel Zeit, um aufgeregt zu werden – aufgestanden, Kaffee und ab geht’s. Es war mega cool, wie viele Leute hier waren. Das war krass!
Ich dachte mir heute Morgen so: Für dich fängt gerade ein neues Kapitel an, aber eigentlich fängt das ja schon viel früher an. Also dass jetzt deine Musik rausgeht, ist ja schon mitten auf dem Weg. Wann hast du begonnen, daran zu arbeiten, dass du als Baumgart Musik machen wirst?
Das ist schwierig zu sagen. Also, wäre ich nicht mit sieben Jahren in den Kirchenchor gegangen, dann wäre ich glaube ich jetzt auch nicht hier. Weil da habe ich angefangen zu singen und wenn man so weit zurückdenkt, haben alle Geschehnisse seitdem dazu geführt, dass ich jetzt hier sitze. Also würde ich sagen: Seit ich sieben bin, habe ich daran gearbeitet. Dass ich im Projekt Baumgart angefangen habe, Songs zu schreiben, das ist jetzt ungefähr anderthalb Jahre her. Zu der Zeit habe ich Felix Gerlach kennengelernt, meinen jetzigen Produzenten, mit dem ich viel arbeite. Und jetzt, anderthalb Jahre später, bringe ich die Songs raus. Es ist irgendwie verrückt.
Anderthalb Jahre ist schon eine lange Zeit, finde ich. Für alle anderen, also auch für mich wirkt es so wie: Ach, Pepe macht jetzt neue Musik. Das sieht immer so aus, als wäre so eine Idee ein paar Wochen alt. Aber es ist so ein langer Prozess. Möchtest du sagen, warum du diesen Step machst? Also, warum du von Felipe zu Baumgart wechselst?
Ich konnte mich mit dem Felipe-Projekt nicht so richtig identifizieren. Felipe ist mein Zweitname und damit eigentlich relativ nah an meiner Person dran. Trotzdem nennt mich niemand so und es war auch immer so, dass ich viel in Metaphern geschrieben habe und versucht habe, die Musik so zu schreiben, dass es cool ist. Aber ich habe mich davor gesträubt, die Musik zu schreiben, wie ich bin und wie meine Story ist. Das ist jetzt beim Baumgart-Projekt auf jeden Fall anders. Also, ich fühle mich mit meinem Nachnamen viel wohler. Der Name an sich hat irgendwie einen Naturbezug und das liebe ich, weil ich vom Stadtrand komme und gerne im Wald bin. Ich gehe gern spazieren und das habe ich gemocht an meinem Namen. Und die Musik, die ich jetzt schreibe, ist viel direkter auf meine Person, auf meine Story bezogen. Man weiß auf jeden Fall, wenn man meine Musik hört, wer ich bin. Und man lernt mich kennen, so wie ich bin. Es gibt keine Verschleierung, keine Metaphern, die meine Story umschreiben. Das ist alles so sehr nahbar, dass die Leute verstehen, wer ich bin und was meine Geschichte ist, würde mich sagen.
Wie würdest du anderen deinen Musikstil beschreiben?
Es ist viel Indiepop-Einfluss auf jeden Fall da. Ich würde aber sagen, dass jeder Song individuell ist. Ich habe auch Pop-Einflüsse. Ich habe Indierock-Einflüsse. Manchmal rappe ich auch in den Strophen. Ich glaube, dass es eine Wundertüte ist, welcher Song als nächstes kommt. Der Song Loser, der jetzt kommt, ist auch ein ganz anderer als Der schlimmste Ort ist in mir drin, weil es eine andere Story ist. Die Songs entstehen auch gar nicht so, dass man sagt: „Wir haben jetzt den schlimmsten Ort geschrieben, lass mal jetzt das Thema Mobbing angehen“. Wir versuchen irgendwie den Hoffnungsgedanken, den Loser präsentieren soll, in die Musik zu packen und dann einen komplett neuen Song dazu zu schreiben. Das macht viel mehr Spaß und gibt mir viel mehr.
Fühlst du dich jetzt musikalisch angekommen?
Ich glaube, das fühlt man sich nie. Also, ich fühle mich nie musikalisch angekommen. Meine Sprache habe ich gefunden, würde ich sagen. Aber dadurch, dass jeder Song so individuell ist, macht es auch einfach Spaß, jedes Mal diesen kreativen Prozess wieder völlig offen zu starten und sich nicht zu verkopfen. Das hilft mir auch ungemein, mit Schreibblockaden umzugehen, die ich relativ selten habe dadurch. Es gibt ja endlose Möglichkeiten, wie man Musik machen kann und das ist auch das Coole dabei. Das ist immer eine Wundertüte, auch im Studio. Da wird morgens erstmal Kaffee gemacht und dann schalten wir den Synthie an, spielen ein bisschen und schauen, was passiert. Am Tag habe ich dann eine Story vielleicht oder ein Gefühl, was ich in mir habe und dann schreibe ich darüber.
Über das Ankommen singst du auch in deinem ersten Song Der schlimmste Ort ist in mir drin, aber „Nirgendwo fühle ich mich angekommen“ bezieht sich da nicht auf’s musikalische Ankommen, sondern eher diese Suche nach Zuhause. Ist es denn überhaupt eine Suche nach einem Zuhause oder einfach das Gefühl, nirgendwo zu Hause zu sein?
Es ist so ein Gefühl von bei sich selbst zu Hause sein. Also, dass man sich mit sich selber wohlfühlt. Das ist, was der Song aussagen soll: Egal wo man sich befindet – wenn man sich nicht bei sich selbst zu Hause fühlt, dann kann man sich auch am Strand oder im Urlaub unwohl fühlen. Da muss ich aber sagen, dass ich da zum Glück aus der Vergangenheit spreche, weil ich mittlerweile echt happy bin wie gerade mein Leben ist und ich mich mittlerweile so akzeptiert habe wie ich bin. Ich habe mich selbst angefangen zu lieben und merke, wie ich mutiger durch’s Leben laufe und kriege das auch von den Leuten um mir herum widergespiegelt. Ich strahle viel mehr. Ich bin glücklicher unterwegs und das ist halt ein Prozess. Ich hatte die Stopps in Berlin und Iserlohn und wohne mittlerweile in Hamburg. Ich habe mich mega unwohl gefühlt in den Städten und das hatte vor allem damit zu tun, dass ich noch gar nicht bei mir selbst angekommen bin. Und genau deswegen habe ich den Song geschrieben.
Was denkst du, was hat dazu geführt?
Ich habe auf jeden Fall viel mit Menschen geredet, auch mit meinen Eltern. Ich habe mich Personen gegenüber geöffnet und deswegen finde ich es auch so wichtig, dass meine Musik für Leute Therapie sein kann. Ich habe gemerkt, dass wenn ich mich Leuten – natürlich Vertrauenspersonen – gegenüber öffne und denen von meinen Gefühlen erzähle und das rauslasse, dann ist es oft so, dass sie einen auffangen, vielleicht etwas anderes widerspiegeln oder sagen: „Ey, du bist so ein cooler Mensch. Woher kommt das Gefühl?“ Darüber zu reden, hat echt viel geholfen. Ich würde auch sagen, dass die Niederlagen vermeintlich keine Niederlagen sind, sondern Fehler, aus denen man lernt. Diese ganzen Erfahrungen haben mir irgendwie so ein Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein gegeben, um heute zu sagen: Ich habe auf mich gehört. Ich habe also ein Gefühl, das mich leitet. Ich kann mir vertrauen. Das hat mir auch dieses Selbstvertrauen gegeben, um zu sagen: Es ist cool, Fehler zu machen. Das hat mich dann irgendwann dazu geführt, dass ich zu Hause angekommen bin – bei mir.
Wenn es einer anderen Person jetzt so geht, die sich bei sich selbst nicht zu Hause fühlt, was würdest du ihr raten?
Ich würde immer raten, jemanden anzurufen oder mit jemandem zu sprechen, der einem nahesteht. Und ich weiß, dass das viele Menschen auch nicht schaffen, weil sich dahingehend zu öffnen, ist auch manchmal echt anstrengend und schwierig. Was auf jeden Fall auch hilft, ist, die Gefühlswelt runter zu schreiben. Also, sich Notizen zu machen wie ein kleines Tagebuch und es so rauszulassen. Das ist auch so bei mir gewesen mit der Musik. Das hat mir sehr geholfen, diese Gefühle rauszulassen und zu merken: Das ist einfach schön und befreiend. Also kreativ zu werden ist, glaube ich, ein guter Weg. Malen, Sport machen oder so etwas.
Im Song Der schlimmste Ort ist in mir drin beschreibst du das Gefangensein in den eigenen Gedanken. Was würdest du sagen, was hilft, um den schlimmsten Orten ein Stück besser zu machen?
Sich ablenken oder vielleicht auch zum Friseur gehen, wenn man sich gerade nicht im Spiegel sehen kann. Einfach Sachen machen, die einem gut tun. Einen Kakao trinken oder whatever. Also Sachen, die man mag und die einen irgendwie aufmuntern. Jeder ist da draußen so individuell und es ist schön, individuell zu sein und sich das immer wieder bewusst zu machen. Mir hat auch sehr geholfen, rauszugehen, spazieren zu gehen oder Eis essen zu gehen. Da gibt es so vieles, um zu versuchen, aus diesem Gedankenstrudel auszubrechen. Ich weiß, wie schwer es ist, aber es hilft auf jeden Fall, sich immer wieder an die positiven Dinge zu halten, die einen glücklich machen, die einem Spaß machen. Bei mir war es, meine Gefühle in Kunst zu verpacken, runter zu schreiben und rauszulassen. Das war ein guter Weg für mich, damit irgendwie umzugehen.
Gespräch anhören:
