»Ich war immer dieser Loser.«

Musiker Baumgart über seine persönliche Story hinter dem Song Loser und eine starke Botschaft an alle Menschen, die von Mobbing betroffen sind.

Interview & Fotos Florian Saeling 

Interview & Fotos Florian Saeling

In deinem Song Loser singst du „Ich war immer dieser Loser, habt ihr mir gesagt“ – wen meinst du damit?
Das hat schon im Kindergarten angefangen, dass ich immer „der Weirdo“ war bei allen. Also, ich habe das natürlich nicht gesehen, aber ich war ein sehr aufgeschlossenes Kind und laut, sehr präsent. Und ich glaube, damit sind andere nicht so klar gekommen und haben das erst mal als komisch gesehen. Ich wurde dann am laufenden Band bis zur siebten Klasse gemobbt und auch darüber hinaus.

Als die Leute älter wurden, haben sie hinter meinem Rücken geredet. Kinder sagen so etwas ja eher direkt ins Gesicht und wenn man älter wird, dann ist es eher dieses aufgesetzte Grinsen und man hört Sachen hinter dem Rücken. Das sind Geschichten gewesen, die bei mir sehr einprägend waren. Zum Beispiel resultiert auch der Song Der schlimmste Ort ist in mir drin daraus, dass ich diese Mobbing-Erfahrung gemacht habe und mich dann in meinem Körper nicht wohlgefühlt habe. Wenn man immer so etwas wie „Du Specky“ gesagt bekommt auf dem Schulhof oder „Du wirst niemals abnehmen“, „Du wirst nie das schaffen, was du dir vornimmst“, dann sind das natürlich alles Sachen, die sich von klein auf in das Gehirn einbrennen und weshalb man dann immer Selbstzweifel hat.

Deswegen war es für mich ganz wichtig, diesen Song zu schreiben. Der hat für mich eine Riesenbedeutung und soll Hoffnung geben an die Leute, die so etwas erfahren. Das wird immer ein Thema in unserer Gesellschaft bleiben, leider. Es gibt immer irgendwelche Leute, vor allem im Jugendbereich, die sich cooler fühlen als die anderen und schüchterne Menschen weird finden. Ich glaube, Kinder können noch gar nicht verstehen, warum sie schüchtern sind. Sie kennen nur das Eigengefühl und können sich noch nicht so gut in andere Personen hineinversetzen. Dadurch resultiert, glaube ich, auch das Mobbing.

Aber Mobbing passiert ja auch im Arbeitsalltag. Es ist überall präsent. Und mit dem Song will ich all den Leuten einen kleinen Hoffnungsschimmer geben und sagen: Es ist cool, dass ihr die Loser seid, weil ihr seid individuell und ihr lasst euch nicht verbiegen. Die Loser sind eigentlich diejenigen, die zu anderen „Loser“ sagen oder sie beschimpfen mit Sprüchen wie „Du bist hässlich“ und „Du hast keinen Platz hier auf der Welt verdient“. Ich finde, jeder hat einen Platz verdient, so wie er ist. Weil so ist man perfekt. So ist man auf die Welt gekommen – gottgeschaffen.

Hast du dich in der Zeit irgendwann selbst als Loser gesehen oder war das immer nur etwas, was andere gesagt haben?
Nein, es gab schon eine Zeit, in der sich das eingebrannt hat und ich mich im Spiegel nicht mehr sehen konnte. Die Leute trichtern einem das ein und man ist so ein bisschen in der Stimmung gefangen und denkt sich „Haben die echt recht? Bin ich so ein Loser?“ Und gleichzeitig war es aber auch immer mein Drang und die Motivation dabei zu sagen „Ich will es denen anders zeigen. Ich will beweisen, dass ich das nicht bin“. So habe ich den Kampf und die Challenge angenommen und gesagt: „Ich zeige es euch!“ Daraus habe ich versucht, meine Motivation zu nehmen und dagegen zu wirken.

Auch im Arbeitsalltag war es immer so, dass Leute mir gesagt haben: „Bist du sicher, dass du auf die Bühne willst? Das wird doch eh nichts. Lass es doch lieber und gehe studieren“ – und jetzt sitzen wir hier und ich spiele meine ersten Supportshows.

Ich habe immer daran geglaubt, habe immer weitergemacht und kann es jetzt diesen sch*** Mobbern zeigen und sagen: „Ey, ihr hattet unrecht. Ich habe schon immer das gemacht, was ich gefühlt habe, was ich geliebt habe und ich habe es euch gezeigt“. Das hat mir sehr viel Motivation gegeben, denen zu beweisen, dass es nicht so ist wie sie es mir gesagt haben. Und ich freue mich jetzt, dass ich diese Gelegenheit nutzen kann, auch da weiter gegen vorzugehen und den Leuten Mut zu machen.

Stark, dass du das überhaupt in Musik verarbeitest und überhaupt rausgibst. Ich fand gerade diesen Moment spannend, in dem du die Challenge angenommen hast, den Leuten zu zeigen, dass du wer bist und dass du kein Loser bist. Das klingt jetzt wie ein kleiner Moment und wie eine kleine Entscheidung. Aber das war ja eigentlich ein ganz großer Schritt. Was hat dir Mut gemacht? Woraus hast du deine Kraft geschöpft?
Ich war früher übergewichtig und das war neben meiner offenen Art, dass ich Musik gemacht habe und anders war auch der Hauptgrund,  worauf die Leute eingestiegen sind. In der Zeit hatte auch die ärztliche Empfehlung bekommen, abzunehmen. Das war also schon echt stark und dann habe ich die Motivation gefasst, bin mit Wasser und Paprika in die Schule gekommen und dann sagten die Kiddies so „Das ist doch so ein Quatsch! Was machst du denn? Du wirst es niemals schaffen, das Gewicht loszuwerden“. Und das alleine, das hat mir gezeigt: Ich will denen das jetzt anders beweisen! Ich versuche immer aus dieser Negativität die Kraft rausnehmen und diese negative Energie in etwas Positives zu verwandeln. Ich glaube, das ist mein Weg.

Weil wir gerade über Entscheidungen reden: Um die schlechten Gefühle zu kompensieren, habe ich ganz früh angefangen zu rauchen und habe jetzt vor einer Woche damit aufgehört. Das war auch so eine Entscheidung. Keine Ahnung, ob ich wieder rückfällig werde, aber jetzt gerade tut es mir gut, dass ich das geschafft habe. Wenn man also versucht, sich an diese kleinen Erfolgserlebnisse zu halten, kann das echt Motivation geben. Das Leben ist immer ein up und down und mal auch monoton. Aber das ist das Leben und es gehört alles irgendwie dazu. Nach einem schlechten Tag kommt auch immer wieder die Sonne. Immer geht die Sonne morgens auf, auch wenn manchmal noch ein paar Wolken davor sind. Hinter den Wolken ist immer auch die Sonne.

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