»Ich bin im Lieblingskapitel meines Lebens.«
Poetry-Artist und Bestseller-Autorin Clara Lösel im Interview über ihr Buch „Wehe du gibst auf“ und wie es ihr hilft, die Hoffnung nicht zu verlieren.
Interview Florian Saeling
Foto Max Saeling
Interview Florian Saeling
Foto Max Saeling
Dein Buch heißt Wehe du gibst auf und im Podcast mit Lars Amend hast du gesagt, dass du das wahrscheinlich selbst am meisten brauchst. Wie hilft dir das?
Also, du musst dir vorstellen: Bis ein Text fertig ist, dauert es eine ganze Zeit und es ist erstmal so, dass ich allein bei mir zu Hause, in der Bahn oder irgendwo anders sitze und mir in irgendeiner Weise Gedanken mache über mein Leben. Deswegen sind die Texte auch so ehrlich und so verletzlich und so persönlich. Weil ich in dem Moment, in dem ich schreibe, nicht im Kopf habe, dass das Video mit dem Gedicht perspektivisch ein paar Millionen Menschen und mal mindestens ein paar hunderttausend Menschen sehen.
Deshalb würde ich schon sagen, das sind die Texte, die ich brauchte. Nicht unbedingt zum Lesen, sondern vor allem zum Schreiben. Es ist ein bisschen mein Coping Mechanism, um mit der Welt umzugehen und in dieser Welt ein positiver Mensch zu bleiben.
Ich weiß nicht, ob ich der Mensch bin, der das Buch am meisten braucht. Aber das Schreiben auf jeden Fall.
Was meinst du, wenn du dir selbst sagst: „Wehe, du gibst auf“?
Ich verknüpfe das mit der Hoffnungspflicht, die wir haben. Das ist das große Thema, was für mich in diesem Titel steckt. Weil ich mir schon immer sage, dass ich eine Pflicht habe, die Hoffnung nicht aufzugeben. Ich wüsste auch nicht, was die Alternative ist. Den Kopf in den Sand zu stecken und zu sagen: Tiere sind mir egal, die Umwelt ist mir egal, die Zukunft ist mir egal, was mit den jüngeren Generationen passiert oder mit alten Menschen passiert, ist mir egal. Das ist für mich keine Alternative und es ist bestimmt leichter in dieser Welt ein Mensch zu sein, dem Sachen egal sind.
Ich glaube, es ist nicht schön, ein Mensch zu sein, dem Sachen egal sind. Menschen sagen oft „Oh, diese Welt nimmt mich so mit“ und sie wünschten, sie hätten eine etwas dickere Haut. Aber ich denke, was diese Welt mit am meisten braucht, sind Menschen, denen Sachen nicht egal sind, die nicht gleichgültig sind gegenüber dem, was in der Welt passiert oder was sie selber machen. Das bedeutet dieser Titel für mich.
Warst du denn schon mal kurz davor aufzugeben und die Hoffnung zu verlieren?
Das ist eine Sache, an der ich jeden Tag arbeite. Ich finde, diese Welt macht es einem aktuell nicht unbedingt einfach, hoffnungsvoll, positiv und zuversichtlich zu sein. Gerade dieser Satz „Es wird alles gut“ fühlt sich aktuell eher wie eine Lüge an und ich bin immer wieder zwischen Aufgeben und Hoffnung behalten.
Man kann ja sehr vieles aufgeben. Man kann die Hoffnung aufgeben. Man kann Träume aufgeben. Man kann sich selbst aufgeben. Also ich glaube, ich bin immer wieder kurz davor, aber gerade dann passiert es auch, dass ich schreiben will und schreiben muss. Daraus entsteht dann hoffentlich wieder etwas Positives.
Wenn du dein Leben als eine Geschichte betrachtest, an welchen Punkten hat sich für dich ein neues Kapitel aufgeschlagen?
Voll die schöne Frage! Der Punkt, der mir gerade einfällt, ist der 16.11.2023, weil das der Tag war, an dem ich das erste Video hochgeladen habe. Das war ein neues Kapitel und das ist wahrscheinlich das Kapitel, in dem ich jetzt gerade noch bin. Das heißt Wehe du gibst auf. Ein Unterkapitel wäre dann das Buch und das nächste Unterkapitel ist die Tour.
Aber auch Umzüge sind oft neue Kapitel. Ich habe zum Beispiel mal ein Jahr in Spanien gelebt und so ein anderer Ort hängt damit zusammen, dass du auch etwas anderes machst und einen anderen Alltag und andere Menschen hast. Und mit Abschlüssen wie dem Schulabschluss oder Uniabschluss, würde ich sagen, schließen sich Kapitel.
Hast du ein Lieblingskapitel?
Ich glaube, ich bin gerade im Lieblingskapitel. Aber das ist schwer zu sagen, weil ich hatte auch eine sehr, sehr, sehr schöne Kindheit und ich vermisse manche Menschen wie meinen Opa, die jetzt in diesem Kapitel nicht mehr drin sind oder auch andere Menschen, die ich entlang des Weges verloren habe, mit denen ich mich auseinandergelebt habe. Deswegen hänge ich schon auch an den anderen Kapiteln, aber jetzt gerade ist ein ganz tolles Kapitel, in dem ich sehr glücklich bin.
Gespräch anhören:
