»Lotti zeigt mir immer wieder den positiven Weg.«

Baumgart im Interview über seine Schwester Lotti, das Down-Syndrom und die Verantwortung als großer Bruder

Interview & Fotos Florian Saeling 

Interview & Fotos Florian Saeling

Du hast einen Song über deine Schwester Lotti geschrieben. Das finde ich total schön, dass du von ihr und vom Leben mit dem Down-Syndrom erzählst. Wie hat dich das beeinflusst?
Natürlich unfassbar positiv. Also, das war wirklich immer cool, weil mit Lotti gibt es auch immer etwas zum Lachen, weil sie so ein positiver Mensch ist und so viel Positivität ausstrahlt. Natürlich hat sie auch mal einen schlechten Tag, wie jeder andere Mensch auch. Das ist völlig normal. Es ist aber auch ganz oft so, dass Menschen mit dem Down-Syndrom echt positive Menschen sind. Also, wenn ich mit ihr auf eine Inklu-Party gehe, fängt die um 18 Uhr an und dann fangen schon die Ersten an auf dem Boden zum Partyschlager zu rudern. Da denke ich mir: Das ist einfach tausendmal energetischer, einfach viel mehr Party im Haus als in so einem düsteren Techno-Club.

Im Song habe ja auch die Zeile drin „Manchmal brauche ich dich mehr als du mich“, weil sie mir so viel Energie gibt und mir auch den positiven Weg wieder zeigt. Da bin ich echt gesegnet, dass ich meine kleine Schwester habe, die mich immer aufgefangen hat. Mich haben immer die Leute gefragt „Wie ist das so mit einer Schwester mit Down-Syndrom? Wie fühlt sich das an?“ und ich finde das ja völlig normal und habe dann die Gegenfrage gestellt „Wie ist es ohne? Kann ich mir überhaupt nicht vorstellen“, weil ich kenne es ja nicht anders.

Es passieren auf jeden Fall immer witzige Dinge. Einmal hat sie unsere ganzen iPhones eingesammelt und ins Klo geworfen. Die waren dann zwar kaputt, aber es ist halt auch einfach eine witzige Geschichte. Das macht einfach super viel Spaß mit ihr. Diese ganze Community ist einfach so cool. Ich habe das Gefühl, das verläuft sich nicht so und wenn man da drin ist, merkt man erstmal, wie viel Spaß es macht, unter Menschen mit Down-Syndrom zu sein. Jeder sollte diesen Stand haben und, diese Menschen ganz selbstverständlich als  einen Teil unserer Gesellschaft zu sehen. Die gehören hier hin und die sind nicht anders als andere – sie bringen einfach einen positiven Effekt. Und das ist mir wichtig, mit meinem Projekt zu verknüpfen und hier darauf aufmerksam zu machen. Hier können auch Arbeitsplätze entstehen in der Kreativbranche und auch in der Partybranche. Ich meine, Musik ist ja immer ein Stück weit Entertainment und Menschen mit Down-Syndrom sind die größten Entertainer, finde ich.

Was hast du von ihr gelernt?
Struktur, würde ich sagen. Bei ihr ist es so: Sie ist nach Hause gekommen und hat ihren Plan abgearbeitet. Dann wird erst die Butterbrotdose ausgepackt und man darf sie nicht anfassen. Man darf sie nicht unterbrechen, bis alles erledigt ist. Erst die Schulsachen ausräumen, dann wird gegessen. Ich habe diese Struktur lange nicht gehabt und habe zum Beispiel das Geschirr nicht gleich in die Spülmaschine geräumt. Da war sie immer schon von ganz klein auf diejenige, die das direkt in die Spülmaschine geräumt hat. Das hat sie echt besser gemacht als meine andere Schwester und ich.

Sind beide jünger als du?
Ja, wir sind alle ein Jahr auseinander und ich bin der große Bruder.

Dann hast du sicher frühzeitig gelernt, Verantwortung zu übernehmen.
Ja, schon von Anfang an. Wir sind mit einer Tagesmutter groß geworden, weil meine Eltern viel arbeiten waren. Da war es auch immer schon so ein Ding, dass ich und auch meine andere Schwester auf Lotti aufgepasst haben. Auch, wenn meine Eltern mal abends ausgehen wollten, hatten wir auch immer mal abends unsere Nanny da und da lernt man auf jeden Fall ein Stück weit, Verantwortung zu übernehmen. Ich hatte natürlich dadurch auch ein paar Einbußen in der Kindheit, weil wir zum Beispiel bei jeder Urlaubsplanung auf gewisse Sachen achten mussten. Lotti hatte dazu noch Epilepsie eine Zeit lang und wir konnten nicht weit wegfahren oder fliegen. Oder wenn meine Mutter mal kurz weg musste, ist einer von uns auf jeden Fall zu Hause geblieben und hat auf Lotti aufgepasst. Da haben wir schon sehr früh Verantwortung übernommen, was auch sehr gut war im Nachhinein. Dadurch haben wir auch ein Gefühl für andere Menschen da draußen. Ich habe auch mal ein FSJ an einer Förderschule gemacht. Das war echt cool.

Hast du also mehr gewonnen als verloren?
Auf jeden Fall.

Ich bin auch so ein bisschen in der Welt drin, weil ich über ein Kinderhospiz schon seit längerer Zeit Geschwister von schwerkranken oder verstorbenen Kindern begleite. Das sind ja ganz oft Kinder und Jugendliche, die gelernt haben, sich zurückzunehmen, für die es voll normal und auch voll okay ist, dass sich einfach viel mehr um ihre Schwester oder ihren Bruder dreht. Deswegen war für mich schon klar, dass du sagst, du hast mehr gewonnen. Aber es bleibt halt auch etwas auf der Strecke und das ist auch normal.
Ja, man hat wie gesagt auf jeden Fall ein paar Einbußen, weil man halt auch mal nicht rausgehen kann, wenn man es gerade will. Weil vielleicht gerade etwas ansteht und man da sein muss. Was auch so ein Punkt ist: Der Beschützerinstinkt. Man kann nicht immer so frei sein wie andere Kinder, weil man auch immer ein Auge auf Lotti hat. Was passiert gerade? Wo ist sie gerade? Man kann sie zum Beispiel nicht alleine zu Hause lassen. Es ist immer so leicht unentspannt, aber im Endeffekt ist auch immer alles gut ausgegangen und ich bin echt dankbar dafür.

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