»Vielleicht ist meine Familie gar nicht so speziell.«
Musiker Baumgart im Interview über das Gefühl von Unverständnis in der Familie und wie sein Song dabei geholfen hat.
Interview & Fotos Florian Saeling
Interview & Fotos Florian Saeling
Wie schaust du heute auf die Situation zurück, dass deine Eltern wenig zu Hause waren und ihr drei Geschwister viel Zeit von einer Nanny begleitet wurdet? Wie hat dich das geprägt?
Wir hatten eine total tolle Kindheit. Das kann ich nicht anders sagen. Wir haben alles machen können. Es war auf jeden Fall aber so, dass man irgendwann später gemerkt hat, dass wir so ein leichtes Unverständnis in der Familie haben, weil wir nicht so zusammengewachsen waren wie vielleicht andere Familien. Ich habe mich irgendwann gefragt: Wieso haben wir immer Streit? Wieso fühle ich mich so missverstanden? Dann habe ich einen Abend zusammen mit meiner Schwester darüber nachgedacht. Wir waren im Urlaub und haben uns auf das Hoteldach gesetzt. Dann sind wir darauf gekommen, dass es vielleicht daran liegt, dass Mama und Papa immer viel arbeiten waren. Als die mehr Zeit und Geld hatten, waren meine Schwester und ich in der Pubertät und sind selbst rausgegangen, um unser Leben zu leben und Quatsch zu machen und Partys zu feiern. Das heißt, leider haben wir uns da so ein bisschen verpasst.
Darüber habe ich den Song Turm geschrieben, der auf jeden Fall geholfen hat, weil wir anschließend in der Familie darüber geredet haben. Also das erste Mal so richtig, nachdem ich den Song geschrieben hatte. Das hat ein Gespräch ausgelöst, das meiner Familie geholfen hat, darüber zu reden und das Thema uns allen bewusst zu machen. Mittlerweile läuft alles super. Also, Turm ist natürlich ein trauriger Song, aber er hat eine positive Wendung gebracht.
Also die Musik, insbesondere der Song war dein Weg, das Thema auf den Tisch zu packen und mitzuteilen, dass dich das beschäftigt.
Ja, voll. Das zeigt auch wieder, dass Musik so schön ist, weil man sich dadurch auch negative Themen bewusst machen kann. Ich glaube auch, dass das ein Thema in vielen Familien ist. Das Feedback ist auch so, wenn ich das Freunden zeige, dass sie sagen: „Du sprichst mir aus der Seele“. Ich dachte immer, dass nur meine Familie so speziell ist, aber vielleicht ist das gar nicht so. Vielleicht gibt es in vielen Familien auch dieses Unverständnis und das zeigt auch wieder, wie individuell die Gefühlswelt von jedem Menschen ist – selbst in einer Familie sind die Kinder auch wieder eigene Menschen mit eigenen Gefühlen.
Ja, und was passieren kann, wenn man darüber spricht.
Ja, genau. Reden ist immer ein sehr, sehr guter Weg, um sich Dinge bewusst zu machen und Probleme aus der Welt zu schaffen. Auch, wenn es manchmal schwierig ist. Streit gehört auch mal dazu, aber im Endeffekt ist Reden echt Gold wert.
Dein Weg als Baumgart startet gerade erst. Was ist dein großes Ziel, dein großer Traum? Gibt es da etwas musikalisch oder persönlich?
Natürlich möchte ich weiter Shows spielen. Das liebe ich sehr. Also live spielen ist echt cool. Jetzt bin ich natürlich noch in einem kleinen Band-Setup. Ein Ziel ist, dass ich mal irgendwann mit einer ganzen Band spielen kann, ein Festivalsommer und mal eine eigene Tour spielen. Und ja, dass wir hier in 20 Jahren noch sitzen und darüber reden können, was so passiert ist alles. Das wäre natürlich krass. Aber das ist alles Spekulation und ich genieße gerade, wie es ist. Ich bin sehr privilegiert, dass ich das gerade so machen kann, wie ich es machen kann, dass ich hier bei Universal Music sitze, meine Musik rausbringen darf und das auch gesehen wird. Das freut mich sehr.
Was braucht es, um auf dem Weg einen Schritt weiterzukommen?
Streams irgendwo und Aufmerksamkeit natürlich. Und man wird schauen. Jetzt ist erstmal die erste EP geplant für dieses Jahr. Ich habe auf jeden Fall Bock und ich bin echt gespannt, was alles so passiert. Ich mache einfach weiter.
Und um nochmal den Bogen zu spannen zu den Themen, die wir angeschnitten haben, also das Gefangenen in den eigenen Gedanken, Mobbing, mentale Struggles und das Gefühl, nicht verstanden zu werden – wenn du an junge Menschen denkst, die auch ähnliche Phasen durchmachen gerade, was würdest du ihnen gerne mit auf den Weg geben?
Tut Sachen, die euch gut tun. Versucht mit Leuten darüber zu reden. Reden ist wirklich pures Gold und macht Dinge, die euch gut tun, die euch Spaß machen und versucht die Negativität zu etwas Positivem zu machen – auch, wenn das echt schwierig ist. Das kann ich euch mitgeben.
Ich hoffe, dass ich mit meiner Musik ein Stück weit auch den Leuten mitgeben kann: So habe ich mich auch gefühlt und ich habe es auch geschafft. Vielleicht habe ich dadurch ja auch einen positiven Einfluss und kann ihnen Mut machen und sagen: Es gibt die Sonne. Man muss nur versuchen, sie wieder zu sehen und dann ist das Leben auch wieder gut.
Das ist ein schöner Schluss. Danke!
Gespräch anhören:
