»Man ist nie angekommen, aber ich fühle mich auf dem richtigen Weg.«
Singer-Songwriterinnen Jule & Nuri im Interview über das Erwachsenwerden und den richtigen Weg.
Interview und Fotos Florian Saeling
Interview und Fotos Florian Saeling
Mit eurer Musik gebt ihr persönliche Einblicke in eure Gedanken- und Gefühlswelt. Ich wünsche mir, dass sich junge Menschen darin wiederfinden, dass sie sich dadurch verstanden fühlen und eure Songs beim Erwachsenwerden helfen können. Was bedeutet es denn für euch, erwachsen zu werden?
JULE: Darüber habe ich tatsächlich in letzter Zeit Songs geschrieben, weil ich bin jetzt 19, also offiziell erwachsen und merke auch, ich werde selbstständiger und eigenständiger. Aber ich frage mich immer „Bin ich wirklich angekommen?“
Ich habe das Gefühl, das ist eher so mit jedem Jahr was kommt, werde ich ein Stückchen mehr erwachsen. Aber das braucht auch Zeit. Also man erlebt ganz viel in einem Jahr, nimmt ganz viel mit, lernt auch ganz viel dazu und macht seine Erfahrung. Das ist das, was so wichtig ist. Ich glaube, es gibt gar keinen Punkt, an dem man sagt: Jetzt bin ich erwachsen.
Ich glaube, das ist ein Prozess und ich bin mir nicht sicher, ob man wirklich irgendwann das Gefühl hat, erwachsen zu sein. Es gibt immer Momente im Leben, in denen man sich total überfordert fühlt oder sich doch jemanden an der Seite wünscht, der einem noch mal zeigt, wie etwas geht oder einfach unterstützt. Also sehr schwierige Frage, finde ich.
NURI: Ich bin noch nicht erwachsen laut Gesetz. Ich meine, wenn man 18 ist, kann man Auto fahren, aber an der Persönlichkeit ändert sich dadurch gar nichts. Ich sehe es auch so, dass mit jedem Jahr mehr Erfahrung dazukommt. Aber ich denke auch nicht, dass ich irgendwann checke: Heute ist der Tag. Heute bin ich erwachsen. Vielleicht eher, dass ich mich so langsam angekommen fühle, weil ich weiß, was ich will und wer ich bin.
Fühlst du dich ankommen?
NURI: Man ist nie angekommen, aber ich fühle mich auf dem richtigen Weg.
JULE: Das würde ich so unterschreiben. Also, es geht jetzt ganz viel los. Mein Studium fängt an, das heißt, ich werde noch mal in einer ganz neuen Umgebung unterwegs sein. Da werde ich mich erstmal einfinden müssen. Aber ich glaube, wir beide sind der Meinung, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Was wir gerade machen und so wie wir unser Leben gerade leben, ist das genau richtig.
Du hast gerade gesagt, es ist vieles gerade neu für dich. Fühlst du dich jetzt am Anfang von einer Reise oder eher mittendrin, weil die Reise eigentlich die Musik ist und ihr damit schon eine Weile unterwegs seid.
JULE: Total mittendrin. Die hat für mich vor zwei Jahren wirklich angefangen, als die Musik so ein großer Bestandteil unseres Lebens geworden ist und das ist der Weg, auf dem wir gerade sind.
NURI: Wir sprechen gerade immer über diesen einen Weg. Aber ich habe so ganz viele Wege vor meinen Augen.
Das ist spannend und du hast recht. Es gibt gar nicht den einen Weg. Jede von euch geht einen eigenen Weg, aber irgendwie geht ihr ihn ja auch ein Stück weit gemeinsam.
JULE: Also, wir haben diesen einen Hauptweg. Aber da sind noch so ganz viele Verästelungen drumherum, die auch dazugehören.
Vielleicht ist es auch eher so, dass ihr zwei Wege geht, die aber immer sehr dicht aneinander verlaufen. Manchmal gehen sie ein bisschen weiter auseinander, um etwas Neues zu erkunden und dann kommen sie aber auch immer wieder ganz nah zusammen.
JULE: Das ist gut. Voll schönes Bild!
Hattet ihr in letzter Zeit mal so ein Gefühl von: Ja, hier bin ich genau richtig. Jetzt bin ich auf meinem Weg. Gab es da mal so einen Moment oder eine Erfahrung?
JULE: Über die letzten Monate hat sich schon viel bei uns getan, auch musikalisch. Wir haben ganz, ganz viele tolle Menschen kennengelernt, die uns jetzt irgendwie auch auf dem Weg unterstützen wollen. Aber da gab es für uns gefühlt ganz viele verschiedene Abzweigungen, die wir gehen konnten und darüber haben wir uns schon sehr viele Gedanken gemacht. Da haben wir ganz, ganz viel gesprochen und überlegt und vieles auch einfach mal auf uns zukommen lassen, um zu gucken: Wie fühlen wir uns dabei? Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem wir sagen: Wir sind genau richtig weiter gegangen.
Diese Zeit, in der wir hin und her überlegt haben, weil wir uns nicht sicher waren, wo es hingeht, hat uns an den richtigen Ort gebracht.
Also, tatsächlich würde ich sagen: Jetzt gerade ist so ein Moment.
NURI: Ich hatte so einen Moment auf der Bühne, als wir nach Dein Song die riesige Möglichkeit bekommen haben, mit 6k United auf Tour zu gehen. Dort haben wir ganz viele Konzerte mitgespielt und das erste Mal auch unseren Song. Früher war ich vor Konzerten immer so aufgeregt, dass ich kaum atmen konnte. Aber dabei habe ich gespürt: Das ist was, was ich liebe und das darf ich gerade einfach machen. Ich darf vor so vielen Menschen spielen und ich kann meine Leidenschaft leben. Ich habe den Spaß meines Lebens. Das war so schön und ich habe vor allem Dankbarkeit gespürt, dass ich hier sein darf. Ich frage mich auch manchmal: Habe ich das jetzt verdient? Aber ja, wir haben auch wirklich viel gearbeitet dafür. Vielleicht war das der Moment und er wird wiederkommen.
Dieser Moment ist so groß, dass er dir auch die Motivation wieder gibt, um diesen ganzen Weg zu gehen, bis der nächste Moment kommt.
Gibt es ein Thema, das euch gerade viel beschäftigt?
JULE: Also bei mir ist es tatsächlich das Erwachsenwerden, weil in der Schulzeit war alles super durchstrukturiert und jetzt habe ich mein Abitur und denke: Das ganze Leben liegt vor mir und es liegt an mir, zu wissen, was ich möchte und was ich machen will. Das ist zu 100% die Musik, aber es ist noch nicht so, dass wir von der Musik leben können. Das wird noch ein langer Weg sein. Deswegen war es mir wichtig, ein Studium anzufangen und es ist gerade eine Challenge für die nächste Zeit, dass ich herausfinde, wie ich jetzt alles unter einen Hut bringe – das Studium, meinen Job, Hobbys und natürlich die Musik mit Nuri zusammen. Ich bin da sehr zuversichtlich, aber das ist auf jeden Fall etwas, worüber ich mir Gedanken mache.
NURI: Ich bin ein totaler Overthinker und habe viel zu viele Gedanken in meinem Kopf. Mein Ziel ist es gerade, Ruhe und inneren Frieden zu finden, nicht immer so perfektionistisch zu sein, mir nicht wegen kleinen Dingen ständig den Kopf zu zerbrechen und mich verrückt zu machen. Fehler zuzulassen ist eigentlich immer gut, weil du lernst daraus.
Gespräch anhören:
