»Mit der Musik ist es so einfach, weil sie aus dem Herzen kommt.«

Jule & Nuri sind Schwestern und Musikerinnen. Im Interview erzählen sie, wie sie gemeinsam Songs schreiben und wie ihnen das hilft, ihre Gedanken- und Gefühlswelten miteinander zu teilen.

Interview und Fotos Florian Saeling

Interview und Fotos Florian Saeling

Wenn ihr zusammen Musik schreibt, habt ihr eine klare Aufteilung? Wie kann ich mir das vorstellen? Wie entsteht Musik bei euch?
NURI: Ganz unterschiedlich tatsächlich. Häufig haben wir beide einzeln Ideen, teilweise schreiben wir auch ganze Songs einzeln, teilweise setzen wir uns zusammen an einen Song. Aber all die Ideen, die wir haben, bringen wir zusammen und arbeiten daran weiter. Sei es auch, dass man nur mal sich ein paar Melodien anguckt oder den Text anguckt. Aber auch da haben wir nie wirklich eine Vorgabe.

Wenn wir Musik machen, kommt sie einfach aus uns heraus.

JULE: Total. Bei Nuri ist das zum Beispiel so – das ist unfassbar – sie setzt sich hin und schreibt drei Tage hintereinander einen Song. Das ist so verrückt, aber auch total toll. Dann ist es aber so, dass wir uns am Schluss zusammen an diesen Song setzen und zusammen noch mal über diese erste Version drüberarbeiten. Unsere Songs sind auch sehr persönlich teilweise. Aber das können wir auch teilen und verstehen.

NURI: Wir haben auch irgendwie immer dieselben Vorstellungen, was wir uns musikalisch vorstellen. Das muss ja auch irgendwie zusammenpassen, weil sonst funktioniert es nicht. Aber bei uns funktioniert es.

Also, wenn du einen Song geschrieben hast und den dann Jule zeigst, kannst du dir schon sicher sein, dass er ihr gefällt?
JULE: Ja, ich bin immer sehr euphorisch. Höchstens, sagen wir mal so: Megacool, aber die Melodie würde ich noch mal angucken oder aber diese Textzeile.

NURI: Meistens ist genau dieser Part vom Song auch der, bei dem man selber gedacht hat: Irgendwie bin ich damit noch nicht zufrieden. Und da hat Jule dann eine Idee hat oder andersrum. Also das passt einfach perfekt.

Geht das andersrum auch? Schreibst du (Jule) auch Songs?
JULE: Ja, klar.

Das heißt, ihr könnt beide alles und habt zusammen noch mehr Ideen.
JULE: Ja, voll. Das ist irgendwie cool.

Und wie entsteht dann daraus ein Song, den man sich anhören kann? Also macht ihr das alles allein oder arbeitet ihr mit Leuten zusammen und um zu produzieren?
JULE: Ja, also wir machen Songwriting-technisch ziemlich alles, aber wir produzieren den Song mit Produzenten zusammen. Das ist auch immer super spannend, weil wir schreiben den Song in einer akustischen Version am Klavier oder an der Gitarre und schauen dann: Was kann aus diesem Song jetzt werden? Wo kann es hingehen? Da arbeiten wir dann mit Leuten zusammen.

Gibt es Themen, die euch beim Schreiben immer wieder begegnen? Die immer mal wieder hochkommen?
NURI: Ich glaube, eine Regelmäßigkeit gibt es da nicht wirklich. Also wir beide erfahren total viel mit Menschen, in Beziehungen und Freundschaften. All das, was uns verletzt hat, aber auch all das, was uns glücklich gemacht hat. Das erzählen wir in unseren Songs. Zudem sind uns Themen wie der Klimawandel zum Beispiel auch super wichtig.

Songs bieten einfach diesen Platz, um ganz viele Botschaften reinzupacken, so dass es auch viele Menschen hören und sich vielleicht Gedanken drüber machen. Das kann vielleicht echt was bewegen.

JULE: Wir haben gestern tatsächlich eine Dropbox angelegt mit einfach nur Handyaufnahmen von Songs, die wir gemacht haben. Da haben wir jetzt über 50 Songs drin und wir haben erst drei davon veröffentlicht. Also, da wollen wir unbedingt auch noch ganz viel mehr zeigen, auch ganz viel mehr von unseren Themen und was wir gerne erzählen wollen.
Wenn ihr einen Song schreibt, habt ihr dann das Gefühl, dass ihr euch danach besser versteht? Also wenn du einen Song mitbringst und darin eine Emotion von dir verarbeitet hast, dann hilft das ja wahrscheinlich auch, um Nuri besser zu verstehen.

NURI: Du checkst es ja meistens schon und dann können wir das schon meistens auf das Thema übertragen, was man gerade erlebt hat.

JULE: Das ist eine voll gute Aussage. Ich habe darüber noch nie nachgedacht. Aber es stimmt, weil man natürlich in Songs sehr klar definiert etwas beschreibt und auch mit einer sehr deutlichen Wortwahl teilweise. Das habe ich bei mir auf jeden Fall schon sehr gemerkt, dass ich dann auch manche Gedankengänge von Nuri nochmal ganz anders verstehen kann.

NURI: Mir fällt es auch viel leichter, meine Gefühle mit Musik zu zeigen und darüber zu kommunizieren. Mit Musik ist es so einfach, weil es einfach so aus dem Herzen kommt und einfach super ehrlich ist und total die Wahrheit widerspiegelt – was man ja oft in Worten im Alltag so gar nicht schafft zu formulieren.

Das heißt aber, dass ihr auch intime persönliche Themen verarbeitet in der Musik und eigentlich gar keine Geheimnisse voreinander gehabt. Oder gibt es trotzdem Dinge, bei denen ihr sagt: Die packe ich lieber nicht in Songs. Die sind nur für mich.
JULE: Nicht oft. Wir sind auch einfach Ansprechpartner für alles. Und bei mir ist das auch so: Wenn ich so ein Thema habe, dann schreibe ich den Song so, dass es gar nicht so greifbar ist. Also in einer super bildhaften Sprache oder so, dass man nur einen Blick darauf werfen kann und gar nicht so tief versteht, warum dieser Song wirklich geschrieben worden ist. Aber es gibt sicherlich auch ganz intime Songs, die vielleicht nur zwischen uns bleiben und jetzt erstmal nicht an die Öffentlichkeit gehen.

NURI: Ich habe auch einen Song ganz lang mal für mich behalten. In diesem Song habe ich eine Geschichte erzählt von einem Jungen, der sich von seinem Vater trennen muss, der in den Krieg ziehen muss. Mit so einer Geschichte hatte ich nicht wirklich Kontakt gehabt, aber irgendwie kam es in meinem Kopf auf, als der Ukrainekrieg anfing. Das hat mich so mitgenommen. Ich wollte gar nicht, dass sich andere eine Meinung darüber machen, weil ich das einfach so emotional fand. Aber dann habe ich gedacht: Das ist so eine schöne Geschichte, die sollte eigentlich auch gehört werden. Dann habe ich euch die auch vorgestellt und wir haben alle fast geheult.

JULE: Das war ein sehr emotionaler Abend.

NURI: Das war, glaube ich, das einzige Mal, dass ich einen Song lange Zeit für mich behalten habe.

JULE: Manchmal braucht es auch einfach Zeit, bis man selber mit dem Thema abschließen konnte.

NURI: Oder man möchte diese Geschichte so perfekt erzählen, dass man einfach Zeit braucht, um sie auch so auf den Punkt zu bringen.

Ihr habt vorhin kurz erwähnt, dass durch die Musik auch Themen ihren Platz finden, die sonst vielleicht keinen Platz haben. Habt ihr Beispiele für so ein Thema, bei dem ihr nicht wusstet, wie ihr darüber reden könnt und für das ihr dann durch die Musik einen Ort geschaffen habt?
NURI: Also bei mir war es das Thema Klimawandel. Hier auf dem Land trifft man auf viel Gegenwind von Leuten, die nicht so für den Umweltschutz sind. Ich finde es immer super schwer, darüber zu reden, weil man sollte ja auch jede Meinung respektieren. Dann kam eine Band aus Afrika in unsere Schule und hat über den Klimawandel aufgeklärt und die haben auch Songs geschrieben, um die Konsequenzen mitzuteilen und zu sagen: „Wir müssen doch was machen“. Das war das erste Mal, dass ich dann diesen Song gezeigt habe – Leuten, die genauso fühlen und die genauso denken. Das war so toll, das mit denen zu teilen. Dort habe ich diesen Platz dafür gefunden und die richtigen Worte gehabt, um darüber zu reden.

JULE: Bei mir war es zum Beispiel nach einer Auseinandersetzung mit einer anderen Person so, die mich total mitgenommen hat. Da hatte ich ganz, ganz viele Gefühle in mir drin und ich wusste gar nicht genau, wie ich das ordnen kann und wie ich das selber in Worte fassen und kommunizieren kann. Ich wollte das für mich auch erstmal irgendwie alles verstehen. Das habe ich dann geschafft, indem ich einen Song geschrieben habe. Das geht bei mir immer so los, dass ich einfach am Klavier sitze und improvisiere und dann schreibe ich Texte und das hat für mich ganz viel geordnet. In diesem Moment war dann alles klar für mich. Ich konnte alles runterschreiben und alles in Worte fassen. Das hat mir total geholfen, irgendwie mein Gefühlschaos zu verstehen.

Mit euren Songs verarbeitet ihr Themen, die viele Gleichaltrige haben: Das Erwachsenwerden, Beziehungen, Freundschaften und alles, was einem durch den Kopf geht. Wie wichtig ist euch das, dass andere Leute mit eurer Musik connecten können?
JULE: Es ist auf jeden Fall super schön, wenn das passiert und wir haben auch einmal die Rückmeldung nach einem Livekonzert bekommen, dass sich jemand voll wiedergefunden hat in unseren Songs. Das hat ganz viel mit mir gemacht, weil das natürlich erst mal etwas ist, was von uns kommt. Aber dann zu sehen, was das auch mit anderen Leuten macht und dass die vielleicht genau das Gleiche erlebt haben, ist ganz besonders.

Es ist auf jeden Fall ein Ziel, dass sich Leute mit unseren Songs identifizieren und ihre Geschichten dazu erzählen können.

NURI: Musik bringt ja auch immer eine Gemeinschaft und da merkt man auch einfach klar, wir haben vielleicht diesen Song geschrieben, aber Musik ist für alle. Und je mehr Leute sich da wiederfinden, umso cooler ist das eigentlich.

Egon Werler hat das auch mal sehr schön beschrieben in seinem Interview, wie durch seine Musik so viele Leute zusammengefunden haben, die sich sonst vielleicht gar nicht kennengelernt hätten. Das ist für ihn das Schönste, dass sich da Freundschaften gebildet haben und er der Auslöser dafür war. Gibt ist etwas, was ihr mit eurer Musik auslösen wollt in anderen?
JULE: Man möchte immer Emotionen auslösen mit Musik. Die Musik macht ja auch mit uns selber ganz, ganz viel. Musik gibt mir ganz viel Freude, auch manchmal Melancholie, Nostalgie oder Traurigkeit. Deswegen ist Musik auch so besonders für mich und das ist schon ein Ziel, dass unsere Musik so etwas auch für andere Leute sein kann. Sie kann ein Safeplace sein manchmal. Wenn man sich gerade zurückziehen möchte, gibt es Songs, die man braucht oder man hat eine Playlist mit Songs, die einen glücklich machen. Das fände ich ganz toll.

Mehr von Linus

Mehr von Jule & Nuri

Zufällig für dich ausgewählt

Könnte dich auch interessieren: